Vier Briefe von Christian Hansen an seinen ältesten Sohn Fritz
2. Brief (Freitag, 9. März 1945)
"Die Tschechen sind stattliche Menschen"
Mein lieber Fritz!
Heute morgen habe ich eine Stunde Telephonwache, und so komme ich tatsächlich einmal dazu, Dir schon am Vormittag zu schreiben. Heute nacht habe ich Wache gehabt, ich bin daher noch etwas müde. Die Schläfrigkeit wird aber bald vertrieben werden, denn noch vor Mittag kommt wieder ein Lazarettzug. Dabei ist es draußen kalt und es schneit immer noch wie schon seit Tagen. Aber so lange kann der Winter nicht mehr anhalten, da wir schon bald Mitte März haben.
Wenn dieser Brief Dich erreicht, wirst Du wohl schon konfirmiert sein. Für Dich wird sich dadurch das äußere Leben ja wenig ändern. Da überall kein Unterricht ist, kannst Du ja auch nicht zur Schule gehen. So wirst Du gewiß viel freie Zeit übrig haben. Ich komme deshalb mit einer Bitte zu Dir. Ich habe hier mehrere Schachteln Zigarettenhülsen, aber keinen Stopfer und vor allem auch keinen Tabak. Ich schicke heute zwei Schachteln Hülsen an Dich ab. Ein Stopfer muß bei Euch im Schreibtisch liegen. Wenn Du nun noch irgendwo ein Paket Tabak bekommen könntest, möchte ich Dich bitten, mir die Hülsen zu stopfen und dann zu schicken. Marken für das Päckchen hat Mutti noch. Schicke aber höchstens 20 Stück auf einmal. Wenn sie dann verloren gehen, ist der Verlust nicht so groß.
Und nun gleich noch eine Bitte. Als ich noch in Myslowitz war, schickte Mutti mir einige Lebensmittelmarken. Die Fettmarken konnte ich nicht verwenden und auch nicht mehr umtauschen, da wir ja bald weg kamen. Hier kann man sie auch nicht tauschen, da wir uns im Ausland befinden. Willst Du bitte mit den beiliegenden 75 Gr.Marken zu Tiedemann gehen und sie in Reisemarken umtauschen? Da wir hier keine Butter bekommen, wäre ich Dir dankbar, wenn Du sie dann wieder Deinem Brief beilegen würdest. Ich würde mir im Geschäft die Butter kaufen können. Warte aber nicht zu lange damit, sonst sind wir hier vielleicht schon wieder weg.
Nun will ich Dir ein wenig von der Stadt erzählen. Im Ausland ist natürlich vieles anders als in Deutschland. In fast allen Städten gibt es mehrere Kirchen, alles katholische. Die Leute gehen hier sehr viel zur Kirche, nicht nur am Sonntag. Bei uns sind die Kirchen verschlossen. Hier kann man zu jeder Tageszeit hinein gehen. Viele gehen morgens hinein, knien vor dem Altar, verrichten ein Gebet und gehen dann an ihre Arbeit. Dabei tragen sie natürlich ihre Arbeitskleidung. Sonst gehen die Leute durchweg besser in Zeug als bei uns.
Sie haben vom Krieg auch noch nicht viel gemerkt. Wenn man sich auf der Straße trifft, nehmen die Männer den Hut ab und sagen "Guten Tag", selbst verständlich auf tschechisch. Beim Barbier sind fast überall Drehstühle. Man wird da noch bedient mit Kölnisch Wasser, Hautcreme, Haarwasser usw. Dabei ist es billiger als bei uns. - Wenn jemand gestorben ist, dann läßt man Todesanzeigen drucken und klebt die an die Bretterwände an den Straßen der Stadt. - In Polen schminkten die Frauen sich sehr stark, das tun sie hier nicht. Die Tschechen sind größer und stattliche Menschen. Die Häuser sind eben so sauber wie bei uns und die Schulen bedeutend besser eingerichtet als bei uns. Jetzt aber sind auch sie fast alle geschlossen und mit Wehrmacht belegt, ein Teil auch mit Flüchtlingen. - Die Stadt selbst sieht eigentlich genau so aus wie unsere deutschen Städte auch.
Post von Dir habe ich bisher noch nicht bekommen. Aber die Briefe gehen auch recht lange. In den Wehrmachtsnachrichten der letzten Tage hörte ich mehrfach von Angriffen auf das Gebiet von Gr. Hamburg. Hoffentlich sind die Flieger nicht bei Euch gewesen. Ihr habt in der letzten Zeit ja schon mehrere Angriffe gehabt. - Hier ist noch alles ruhig. Wir haben sehr wenig Alarm und Bomben sind noch nicht gefallen.
Sei nun herzlich gegrüßt von
Deinem Vater
3. Brief (16. März 1945)